Donnerstag, 15. Juli 2010

Foul-Spiel via RBB 2005

Foul-Spiel – wie eine Schauspielschule junge Menschen abzockt

"Ernst-Busch-Schule" oder Studiengang Schauspiel an der UdK – nur wenige junge Menschen kommen bei den staatlichen Schauspielschulen unter. Viele landen bei den privaten Schauspielschulen. Davon gibt es dutzende in Berlin, nicht immer seriös. In KLARTEXT packen jetzt Schüler einer privaten Schauspielschule aus. Sie fühlen sich ausgenutzt und abgezockt.

Totgesagte leben wirklich länger. In unserem Zeitungsarchiv fanden wir diesen Artikel, er ist vor 18 Jahren erschienen: „Jürgen Fuhrmann, Chef des Kreuzberger Theaters Kreuz und Quer, starb mit 34 Jahren an Lungenkrebs“, seine schwere Krankheit habe er bis zuletzt geheim gehalten. Freunde und Bekannte kamen damals zum angekündigten Bestattungstermin – den Verblichenen suchten sie allerdings vergebens. Letzte Woche saß Jürgen Fuhrmann unserer Autorin Gabi Probst quicklebendig gegenüber. Der Schauspiellehrer ist selbst schon in mehrere Rollen geschlüpft und hat vielen Vieles versprochen. Ein regelrechter Felix Krull - nur, dass seine Geschichten im wahren Leben spielen, mit echten Opfern.

Phillip Harth liebt die Bühne. Schon als Gymnasiast spielte im Schultheater.

Phillip Harth
“Ich habe mich nicht aufgedrängt und was soll ich mich jetzt nicht aufdrängen. Ich habe keinen Vertrag mit dem lieben Gott.“

Für die Schauspielerei hat er sogar sein Pädagogikstudium aufgegeben.

Phillip Harth
“Ich muss doch auf den Kopf gefallen sein.“

Phillip Harth
“Die Schauspielerei bedeutet mir alles, das einzige was ich machen will und ich würde praktisch fast alles dafür tun.“

Alles dafür tun, heißt für ihn 2002 von einen Tag auf den anderen Freundin und Familie zu verlassen und von München nach Berlin zu ziehen. Phillip ist nicht nur und jung unerfahren, er ist auch auf der Suche nach seinem Ich und unsicher.

Hier in der Agastraße in Berlin Treptow nimmt Philipp bis 2004 Unterricht. Sein Schauspiellehrer Jürgen Fuhrmann sieht für ihn eine große Karriere, will ihn aus seiner Sinnkrise herausholen. Er soll ihm sogar schon eine Filmrolle angeboten haben, was Fuhrmann allerdings heute bestreitet.

Phillip Harth
“ Er sagte auch, wer alles mitspielen würde, Heinz Hönig, Hannelore Elsner, Ralf Wolter und Axel Schulz sollte auch mitspielen. Und da dachte ich mir natürlich, Wahnsinn bei einem solchen Projekt mit zu machen, dann auch noch eine Hauptrolle zu haben. Klar bin ich dahin gegangen und hab das mitgemacht.“

Mitgemacht, heißt jeden Tag 24 Stunden unter den Fittichen von Herrn Fuhrmann. Phillip ist ja ganz allein Berlin.

Phillip Harth
“Ich fühlte mich sehr, sehr unter Druck gesetzt bei ihm. Er hat eben sehr gut in meine Psyche eingesehen und wusste auch genau, welche Druckpunkte ich habe.“

Was Phillip damals nicht ahnt: aus der Traumkarriere und der Filmrolle wird nichts. Und auch der Schauspielunterricht, vor allem der Einzelunterricht - wird zum Albtraum. Phillip fühlt sich als Sklave.

Phillip Harth
“Zum Beispiel, dass ich bei ihm also vor ihm in Unterhose stehen musste oder in sehr kurzen Hosen nur Sport machen musste. Die Sache war auch, dass er meinen Körper praktisch abfühlte. Er rechtfertigte das immer damit, dass eben er die Muskeln überprüfen müsse, dass nichts überlastet würde und dass er dann immer weiter in Richtung Schritt auch ging, mir dann auch mal den Hintern abgefühlt hatte. Da habe ich mich schon gefragt, was das soll.“

Jürgen Fuhrmann bestreitet solche Vorwürfe vehement. Er habe weder heute noch damals Schüler im Intimbereich berührt. Dem Vater von Phillip hat er per Gericht ähnliche Äußerungen untersagen lassen.

Wir recherchieren in Archiven. Als Theaterchef hielt sich Fuhrmann einen Bühnenarbeiter als Sklaven – titelt die Zeitung. Dafür ist er gerichtlich verurteilt worden.

Jürgen Fuhrmann, CK Casting
“ Es wurde so ausgelegt, es war im Prinzip keine Nötigung, ich habe nur damals nichts gesagt, weil…“
KLARTEXT
“Aber Sie sind verurteilt worden.“
Jürgen Fuhrmann, CK Casting
“Ja weil ich eben nichts gesagt hab.“

Es wurde so ausgelegt? Wir recherchieren weiter. In Ahnatal bei Kassel, wo Fuhrmann offiziell wohnt und noch heute der Hauptsitz seiner Schule ist. Der Bühnenarbeiter und Phillip scheinen nicht die einzigen zu sein, bundesweit hören wir ähnliche Aussagen. Seit mehr als zwölf Jahren gibt Fuhrmann nach eigenen Angaben Schauspielunterricht. Früher nur hier im Haus seiner Eltern, – wie uns mehrere Schüler aus verschiedenen Städten berichten.

Einer von ihnen ist inzwischen ein berühmter Schauspieler. Er schämt sich für das, was ihm passiert ist, will anonym bleiben. Irgendwann hat er ihn angezeigt, doch zu spät – wegen Verjährung. Was Fuhrmann angeblich von ihm verlangte, ist für ihn heute noch unvorstellbar.

Schauspieler
“Ich habe auch erlebt, dass er Handschellen angelegt hat oder Fußschellen. Die Begründung war, um einen sozusagen vor sich selbst zu schützen. Für ihn ist es eindeutig einfach, eine Macht zu haben und sich auch irgendwie sexuell dabei auch zu befriedigen. Es ist auch nicht selten gewesen, dass ich gesehen habe, dass er nach diesen Kontrollen, wenn er dann versucht hat, schnell das Zimmer zu verlassen, auch eine Erektion hatte.“

Jürgen Fuhrmann, CK Casting
“Es ist gelogen.“
KLARTEXT
“Aber wundert Sie nicht, dass alle Schüler die wir gesprochen haben, die aus verschiedenen Städten kommen und zu verschiedenen Zeiten bei ihnen Unterricht hatten, immer das gleiche erzählen?“
Jürgen Fuhrmann, CK Casting
“Ich nehme an, dass das irgendwie eine Absprache ist. Das mag ein privater Rachefeldzug von irgendwelchen Leuten eingefädelt sein. Aber es ist, das, was ich erzähle, ist definitiv wahr.“

Definitiv wahr? Die Homepage der Schule im Internet – scheinbar ein großes Unternehmen. Elf Lehrer gibt er hier an, die für ihn arbeiten. Und elf hat er auch der Senatsverwaltung Berlin gemeldet, die ihm die Genehmigung für das Betreiben der Schule erteilt hat. Die Schule ist sogar Bafög-berechtigt.

Ludger Pieper, Senatsverwaltung Jugend und Bildung Berlin
“Als wir die hier in Rede stehende Ersatzschule genehmigt haben, das war im August 2004. Da haben die Voraussetzungen vorgelegen, so dass wir eine Genehmigung aussprechen konnten.“
KLARTEXT
“Sie haben nach Aktenlage geprüft?“
Ludger Pieper, Senatsverwaltung Jugend und Bildung Berlin
“Wir prüfen die eingereichten Unterlagen und die waren ausreichend, um diese Zusage zu geben.“

Pieper scheint geduldig. Was die Behörde nicht vermochte, haben wir in drei Tagen recherchiert: Einige, der gemeldeten Lehrer waren wie sie, nie als Lehrer tätig, andere wie er, sind es schon lange nicht mehr, weil sie nicht bezahlt wurden – wie übrigens viele andere Geschäftspartner auch. KLARTEXT liegen sogar gerichtliche Titel mit sechsstelligen Summen gegen Herrn Fuhrmann vor. Jürgen Fuhrmann sagt hierzu, dass er sämtliche Forderungen bezahlt, es sei denn es bestünden Einwände gegen die Forderungen. Die uns zugesagten Belege über Zahlungen stehen bis heute aus. Mehrmals hat er den Offenbarungseid abgelegt – das letzte Mal 2003. Diese Zahlungsmoral hat auch die bekannte Entertainerin Angelika Mann erfahren, die nichts ahnend, Gesangsunterricht für Schüler gab und die wenig später – aber schon vor mehreren Monaten - die Senatsverwaltung warnte. Erfolglos.

Angelika Mann, Entertainerin
“Ich habe meine Geschäftsbeziehung beendet, weil ich hatte Schüler von ihm, die mir erst einmal relativ merkwürdige Sachen erzählt haben und hatte für diese Schüler, für diesen Unterricht Geld zu bekommen. Dieses Geld bekam ich nicht. Ich bekam Ausflüchte und bekam Briefe von einer gewissen Karin Bauer, die angeblich seine Geschäftsführerin ist, die in der gleichen Terminologie schrieb wie er auch, ich bekam gefakete Kontoauszüge geschickt. Es ging immer hin und her und irgendwann fühlte ich mich nur noch veräppelt.“

Veräppelt fühlen sich auch Schüler, denen er per Internet ein Vorsprechen bei der Zentralen Bühnen-, Film- und Fernsehagentur, kurz ZBF avisiert.

Jürgen Fuhrmann, CK Casting
“Wir laden die ZBF zu unseren Prüfungen ein und es kommt auch vor, dass wenn es zeitlich klappt, auch dann kommen und so ist dann unsere Prüfung kombiniert mit denen.“

Bei der ZBF erfahren wir, dass zu keiner Zeit Mitarbeiter an einer Prüfung teilnahmen und es auch nicht vorhaben. Und der Hinweis im Internet?

Willi Hädler, ZBF Berlin
“Der ist irreführend, er entspricht nicht den Tatsachen. Da wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen der Abschlussprüfung und der ZBF, der so nicht dargestellt werden sollte.“

Seine neuen Schüler ahnen nichts. Erst im letzten Dezember ist Fuhrmann wegen Betruges verurteilt worden, das dritte Mal. Er akzeptiert das Urteil nicht, ist in Berufung gegangen.

KLARTEXT
“Sie sind mehrfach vorbestraft wegen Betruges. In Kassel läuft gerade wieder ein Ermittlungsverfahren wegen Betruges. Meinen Sie, dass Schüler Ihnen noch vertrauen können?“
Jürgen Fuhrmann, CK Casting
“Ja, weil ich habe nie jemanden wirklich betrogen.“

Nicht wirklich? Urteil ist Urteil. Phillip ist enttäuscht über die Behörden, die Schüler wie ihn nicht schützen und Fuhrmann die Schauspielschule genehmigt haben.

Wir haben übrigens der Senatsverwaltung die Aussagen der Schauspielschüler vorgespielt. Sie will jetzt eingreifen – endlich!

Beitrag von Gabi Probst

Stand vom 11.05.2005

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 11.05.2005 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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